TL;DR: Forscher der Carnegie Mellon University haben im DataComp CommonPool - einem der größten Open-Source-Datensätze für KI-Bildgeneratoren - Millionen von sensiblen persönlichen Dokumenten entdeckt. Darunter: Reisepässe, Kreditkarten, Geburtsurkunden und über 800 validierte Lebensläufe mit hochpersönlichen Informationen. Das Brisante: Die Daten wurden bereits millionenfach heruntergeladen und könnten in zahlreichen KI-Modellen stecken.
Stell dir vor, du findest deinen Reisepass, deine Kreditkarte oder sogar die Geburtsurkunde deiner Kinder in einem öffentlich zugänglichen KI-Trainingsdatensatz. Science Fiction? Leider nein - das ist die erschreckende Realität, die Forscher jetzt aufgedeckt haben.
Die wichtigsten Fakten
- 📅 Zeitraum der Datensammlung: 2014-2022 (vor der ChatGPT-Ära!)
- 💾 Datensatz-Größe: 12,8 Milliarden Bild-Text-Paare
- 🔍 Untersuchter Anteil: Nur 0,1% des gesamten Datensatzes
- 😱 Geschätzte Betroffene: Hunderte Millionen sensible Dokumente
- 📥 Downloads: Über 2 Millionen Mal in 2 Jahren
- 🤖 Potenziell betroffene Modelle: Stable Diffusion, Midjourney und viele mehr
Was ist neu?
Die Forscher um Rachel Hong und William Agnew von der Carnegie Mellon University haben ihre Ergebnisse in einer Studie auf arXiv veröffentlicht. Die Entdeckung ist ein Weckruf für die gesamte KI-Industrie.
Kernfunde im Überblick
Persönliche Dokumente en masse
- Tausende validierte Kreditkarten, Führerscheine und Reisepässe
- Über 800 bestätigte Lebensläufe mit vollständigen Kontaktdaten
- Geburtsurkunden von Kindern mit Gesundheitsinformationen
- Bewerbungsunterlagen inklusive Hintergrundüberprüfungen
Versagende Schutzmaßnahmen
- Automatische Gesichtserkennung übersah geschätzte 102 Millionen Gesichter
- Keine Filter für bekannte PII-Muster (E-Mail-Adressen, Sozialversicherungsnummern)
- Unkenntlichmachung funktionierte nur teilweise
Technische Details
Der DataComp CommonPool basiert auf Web-Scraping-Daten der gemeinnützigen Organisation Common Crawl. Die Ironie: Die Kuratoren wussten um die Problematik und versuchten, Gegenmaßnahmen zu ergreifen.
# So könnte ein PII-Filter aussehen - der aber NICHT implementiert wurde
def filter_pii(text):
# E-Mail-Adressen
email_pattern = r'\b[A-Za-z0-9._%+-]+@[A-Za-z0-9.-]+\.[A-Z|a-z]{2,}\b'
# Sozialversicherungsnummern (US-Format)
ssn_pattern = r'\b\d{3}-\d{2}-\d{4}\b'
# Kreditkartennummern
cc_pattern = r'\b\d{4}[\s-]?\d{4}[\s-]?\d{4}[\s-]?\d{4}\b'
# Aber: Diese Filter wurden offenbar nicht oder nur unzureichend eingesetzt
Vergleich mit bestehenden Datensätzen
Feature | DataComp CommonPool | LAION-5B | Proprietäre Datensätze |
---|---|---|---|
Größe | 12,8 Milliarden | 5,85 Milliarden | Unbekannt |
PII-Filter | ❌ Unzureichend | ❌ Minimal | ❓ Intransparent |
Gesichtserkennung | ✅ Teilweise | ❌ | ❓ |
Lizenz | Akademisch (aber kommerziell nutzbar) | Open Source | Proprietär |
Downloads | 2+ Millionen | Millionen | N/A |
Was bedeutet das für die Praxis?
Für Entwickler
- Sofortige Überprüfung: Checke deine verwendeten Datensätze auf PII
- Neue Filter implementieren: Robuste PII-Erkennung ist ein Muss
- Dokumentation: Transparenz über Datenquellen wird kritisch
Für Unternehmen
- Compliance-Risiko: DSGVO-Verstöße können teuer werden (bis zu 4% des Jahresumsatzes)
- Reputationsschaden: “Wir haben aus Versehen Ihre Kreditkarte trainiert” ist kein guter PR-Slogan
- Technische Schulden: Modelle müssen möglicherweise neu trainiert werden
Das Problem mit der Zustimmung
Das Perfide: Die meisten Daten stammen aus der Zeit vor 2020 - bevor ChatGPT die Welt veränderte.
“Ich lade vielleicht etwas einmal ins Internet hoch und möchte es dann ein Jahr später wieder löschen, aber dann hat diese Löschung keine Wirkung mehr” — William Agnew, Carnegie Mellon University
Die Menschen konnten schlicht nicht zustimmen, dass ihre Daten für KI-Training verwendet werden - diese Technologie war den meisten damals völlig unbekannt.
Human-in-the-Loop als Sicherheitsnetz
Kritische Regel: Automatisierung ist gut, menschliche Kontrolle ist besser.
Was hier wirklich fehlt:
- Manuelle Stichprobenkontrollen der Datensätze
- Ethik-Reviews vor Veröffentlichung
- Klare Verantwortlichkeiten für Datenschutz
- Opt-out-Mechanismen, die wirklich funktionieren
Stimmen aus der Community
“Das zeigt wirklich die Ursünde von KI-Systemen, die auf öffentlichen Daten basieren” — Ben Winters, Consumer Federation of America
“Es ist einfach so, dass alle großangelegten Web-Scraping-Datensätze immer Inhalte enthalten, die da nicht drin sein sollten” — Abeba Birhane, Trinity College Dublin
Roadmap & Ausblick
Q3 2025: Erwartete verschärfte EU-Regulierungen für KI-Trainingssets Q4 2025: Mögliche technische Standards für PII-Filterung 2026: Neue Generation “privacy-first” Trainingssets?
Verfügbarkeit & Tools
- Hugging Face PII-Tool: Opt-out für zukünftige Downloads (hilft aber nicht rückwirkend)
- DataComp CommonPool: Weiterhin öffentlich verfügbar
- Forschungspapier: arXiv:2506.17185
Quick Links & Ressourcen
- 📚 Original-Studie der Carnegie Mellon University
- 🐙 DataComp GitHub Repository
- 💬 Diskussion auf HackerNews
- 📰 MIT Technology Review Artikel
Fazit
Die Entdeckung von Millionen sensibler Dokumente im DataComp CommonPool ist ein Weckruf für die gesamte KI-Industrie. Es zeigt deutlich: Die aktuelle Praxis des wahllosen Web-Scrapings ist nicht nur ethisch fragwürdig, sondern verstößt höchstwahrscheinlich gegen geltende Datenschutzgesetze.
Die Herausforderung ist gewaltig: Wie entfernt man Daten aus Modellen, die bereits trainiert wurden? Wie verhindert man zukünftige Datenschutzverletzungen? Und wie schaffen wir ein Gleichgewicht zwischen Innovation und Privatsphäre?
Next Steps für Entwickler und Unternehmen:
- Überprüfe sofort deine verwendeten Trainingssets auf PII
- Implementiere robuste Filterungsmechanismen
- Erstelle klare Datenschutz-Richtlinien für KI-Projekte
- Plane für mögliche Neu-Trainings deiner Modelle
Die Zukunft der KI hängt davon ab, ob wir diese Herausforderungen meistern. Es ist Zeit, Verantwortung zu übernehmen - bevor die nächste Datenschutzkatastrophe passiert. 🛡️
Letzte Aktualisierung: 05. August 2025 Quellen: arXiv.org, MIT Technology Review, Carnegie Mellon University