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109.000 IT-Fachkräfte fehlen: Deutschlands digitale Zukunft auf der Kippe

Deutschland fehlen 109.000 IT-Experten - und 79% der Unternehmen erwarten eine Verschärfung. Was die neue Bitkom-Studie über Lösungsansätze verrät.

Robin Böhm
12. August 2025
8 min read
#IT-Arbeitsmarkt #Fachkräftemangel #Digitalisierung #AI #Wirtschaft
109.000 IT-Fachkräfte fehlen: Deutschlands digitale Zukunft auf der Kippe

TL;DR: Deutschland fehlen aktuell 109.000 IT-Fachkräfte. 85% der Unternehmen beklagen einen Mangel, 79% erwarten eine weitere Verschärfung. Die neue Bitkom-Studie zeigt: Trotz Rückgang gegenüber 2023 (149.000) bleibt die Lage kritisch. KI könnte helfen – aber auch neue Herausforderungen schaffen.

Die Zahlen sprechen für sich:

  • 🚨 109.000 fehlende IT-Fachkräfte in Deutschland
  • 📈 85% der Unternehmen sehen aktuellen IT-Fachkräftemangel
  • 79% erwarten eine Verschärfung der Situation
  • ⏱️ 7,7 Monate dauert es im Schnitt, eine IT-Stelle zu besetzen
  • 🎓 27% der IT-Jobs gehen an Quereinsteiger

Aber wie konnte es soweit kommen? Und noch wichtiger: Welche Lösungswege gibt es?

Das Problem: Die digitale Transformation frisst ihre Kinder

Die Ironie ist kaum zu übersehen: Während Deutschland mit Vollgas in die digitale Zukunft rast, fehlen die Piloten für diese Transformation. Die neue Bitkom-Studie, für die 855 Unternehmen repräsentativ befragt wurden, zeichnet ein düsteres Bild.

Das Frustrierende daran: Die konjunkturelle Eintrübung hat die Situation nur oberflächlich entspannt. Ja, die Zahl der offenen Stellen ist von 149.000 (2023) auf 109.000 gesunken. Aber das liegt nicht daran, dass wir plötzlich mehr IT-Experten hätten – sondern daran, dass Unternehmen bei Neueinstellungen zögern oder sogar Stellen abbauen.

Dr. Ralf Wintergerst, Bitkom-Präsident, bringt es auf den Punkt:

“Die konjunkturelle Eintrübung und geopolitische Unsicherheiten haben dazu geführt, dass Unternehmen bei Neueinstellungen zurückhaltend sind oder sogar IT-Stellen abgebaut haben. Zugleich schreitet die Digitalisierung der Unternehmen, aber auch in Verwaltungen und Behörden, voran.”

Die demografische Zeitbombe tickt

Was hier wirklich passiert: Deutschland steht vor einem perfekten Sturm aus mehreren Faktoren:

1. Der demografische Wandel schlägt zu

Mehr erfahrene IT-Profis verlassen den Arbeitsmarkt als junge Talente nachrücken. Die Geburtenraten der letzten Jahrzehnte rächen sich jetzt.

2. Die Digitalisierung beschleunigt

Paradoxerweise brauchen wir gerade jetzt mehr IT-Experten denn je. Jedes Unternehmen, jede Behörde digitalisiert – der Bedarf explodiert.

3. Die wirtschaftliche Unsicherheit lähmt

  • 6% der Unternehmen mussten bereits IT-Fachkräfte entlassen
  • 14% rechnen mit weiteren Entlassungen
  • 35% erwarten einen breiteren Stellenabbau in der IT-Branche

KI: Heilsbringer oder Job-Killer?

Hier kommt die spannendste Entwicklung ins Spiel: Künstliche Intelligenz als Game-Changer.

Die Hoffnung: KI kompensiert fehlende Fachkräfte

8% der Unternehmen setzen bereits vermehrt KI ein, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Die Erwartungen sind gemischt:

Pro-KI Stimmen:

  • 🚀 42% erwarten zusätzlichen Bedarf an IT-Fachkräften durch KI
  • 💡 42% sehen neue IT-Berufsbilder entstehen
  • 35% erwarten Produktivitätssteigerungen
  • 🎯 20% versprechen sich bessere Arbeitsqualität

Contra-KI Befürchtungen:

  • 💔 27% rechnen mit Stellenabbau durch KI
  • 🔄 34% glauben, KI wird bestehende IT-Berufe ersetzen
  • ⚠️ 24% meinen: Ohne KI-Wissen keine Zukunft in der IT

Wintergerst fasst es treffend zusammen: “KI kann heute in der IT bereits eine Vielzahl von Aufgaben erfüllen, von Supportanfragen bis hin zur Code-Erstellung. Allerdings wird auch der Bedarf an KI-Spezialistinnen und -Spezialisten steigen.”

Warum Stellenbesetzungen scheitern (Spoiler: Es ist nicht nur das Geld)

Die durchschnittliche Besetzungsdauer von 7,7 Monaten hat ihre Gründe:

Die Top-Hindernisse:

  1. Gehaltsvorstellungen (63% / 56%)

    • Erwartungen passen nicht zur Qualifikation
    • Gehaltsgefüge der Unternehmen zu starr
  2. Fehlende Flexibilität beiderseits

    • 44%: Bewerber wollen nicht umziehen
    • 43%: Unternehmen bieten kein Mobile Working
    • 29%: Flexible Arbeitszeiten? Fehlanzeige!
  3. Soft Skills und Sprachen

    • 38%: Soft Skills mangelhaft
    • 35%: Deutschkenntnisse unzureichend
    • 28%: Fremdsprachenkenntnisse fehlen

Der Hammer: 25% der Unternehmen erhalten praktisch keine Bewerbungen mehr!

Der Quereinstieg boomt – aus gutem Grund

Die Statistik überrascht: Von allen neu besetzten IT-Stellen gingen:

  • 27% an Hochschulabsolventen (IT-Studium)
  • 37% an dual Ausgebildete (z.B. Fachinformatiker)
  • 10% an Studienabbrecher
  • 27% an Quereinsteiger!

Was Quereinsteiger mitbringen:

  • 43%: Berufspraktische IT-Erfahrung
  • 26%: IT-Weiterbildungen (Bootcamps etc.)
  • 25%: Autodidaktisches IT-Know-how
  • 36%: Berufsausbildung außerhalb der IT
  • 21%: Nicht-IT-Hochschulabschluss

Die Trump-Card: US-Politik als Chance?

Ein unerwarteter Twist: 45% der deutschen Unternehmen glauben, dass die USA durch Trumps Politik an Attraktivität für internationale IT-Talente verloren haben.

Die Chancen für Deutschland:

  • 21%: IT-Fachkräfte aus den USA abwerben
  • 27%: Talente aus Nicht-EU-Ländern nach Deutschland statt USA lotsen

Aber: Nur 14% der Unternehmen haben bisher im Ausland rekrutiert. 24% wollen es künftig versuchen.

Was Unternehmen tun (und was sie versäumen)

Die beliebtesten Maßnahmen:

  • 🎓 31%: Weiterbildungsprogramme
  • 🔄 22%: Quereinstiegsprogramme
  • 👴 19%: Programme für ältere Beschäftigte
  • 👩‍💻 14%: Frauenförderung
  • 🤖 8%: Verstärkter KI-Einsatz
  • 🌈 7%: Diversitäts- und Inklusionsprogramme

Das Schockierende: 29% der Unternehmen tun gar nichts gegen den Fachkräftemangel!

Der politische Werkzeugkasten: Was wirklich helfen würde

Die Unternehmen haben klare Favoriten aus dem Koalitionsvertrag:

Top 3 der gewünschten Maßnahmen:

  1. Wöchentliche statt tägliche Höchstarbeitszeit (74%)

    • Mehr Flexibilität für moderne Arbeitsmodelle
    • Weg vom starren 8-Stunden-Tag
  2. Förderung der Fachkräfteeinwanderung (69%)

    • Work-and-stay-Agentur als zentrale Anlaufstelle
    • Digitalisierung aller Prozesse
  3. Aktiv-Rente (67%)

    • Ältere Fachkräfte länger im Job halten
    • Paradigmenwechsel in der Arbeitsmarktpolitik

Fazit: Die Zukunft liegt in unseren Händen

Der IT-Fachkräftemangel ist keine temporäre Delle, sondern eine strukturelle Herausforderung. Die Prognosen sind düster: Statista erwartet bis 2040 eine Lücke von 663.000 IT-Fachkräften.

Die wichtigsten Erkenntnisse:

  1. Der Mangel wird sich verschärfen – die demografische Entwicklung ist nicht umkehrbar
  2. KI ist Chance und Herausforderung zugleich – sie wird Jobs ersetzen UND neue schaffen
  3. Flexibilität ist der neue Trumpf – starre Arbeitsmodelle sind Rekrutierungskiller
  4. Quereinsteiger sind die Helden der Stunde – jeder vierte IT-Job geht an sie
  5. Politik und Wirtschaft müssen handeln – von alleine löst sich das Problem nicht

Wintergerst warnt eindringlich: “Der Fachkräftemangel darf nicht zur Digitalisierungsbremse werden.”

Action Time! 🚀

Für Unternehmen:

  1. Arbeitsmodelle flexibilisieren – sofort!
  2. In Weiterbildung und Quereinstieg investieren
  3. Internationale Talente aktiv anwerben
  4. KI strategisch einsetzen, nicht als Notlösung

Für IT-Profis und Interessierte:

  1. KI-Skills aufbauen – sie werden zur Pflicht
  2. Lebenslanges Lernen ernst nehmen
  3. Die eigene Verhandlungsposition nutzen
  4. Quereinstieg wagen – die Chancen waren nie besser

Die digitale Transformation Deutschlands steht auf dem Spiel. Es ist Zeit, dass alle Beteiligten ihre Hausaufgaben machen. Denn eins ist klar: Ohne IT-Fachkräfte keine digitale Zukunft. Und ohne digitale Zukunft kein wettbewerbsfähiges Deutschland.


Die vollständige Bitkom-Studie zum Arbeitsmarkt für IT-Fachkräfte basiert auf einer repräsentativen Befragung von 855 Unternehmen ab 3 Beschäftigten, durchgeführt von Bitkom Research im Zeitraum KW 20 bis KW 27 2025.

Geschrieben von Robin Böhm am 12. August 2025