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AI-Washing: Wenn aus jedem IF-Statement plötzlich "KI" wird

Die Tech-Branche klebt das KI-Label auf alles – vom simplen Chatbot bis zur Excel-Tabelle. Zeit für einen Reality-Check.

Robin Böhm
29. August 2025
8 min read
#AI #Ethics #Industry Insights #Trends #Best Practices
AI-Washing: Wenn aus jedem IF-Statement plötzlich "KI" wird

Stell dir vor, du gehst in ein Restaurant und bestellst “AI-powered Pasta”. Der Kellner bringt dir normale Spaghetti Carbonara und erklärt stolz: “Unser Chefkoch hat einen Timer verwendet – das ist quasi Machine Learning, weil er aus Erfahrung gelernt hat, wann die Pasta al dente ist!” Klingt absurd? Willkommen in der Tech-Branche 2025.

Das Phänomen hat einen Namen: AI-Washing

AI-Washing ist das neue Greenwashing. Nur dass statt grüner Blätter jetzt neuronale Netze auf alles geklebt werden – auch wenn dahinter nur ein simples IF-ELSE-Statement steckt. Der Etikettenschwindel ist real: Laut aktuellen Studien nutzen über 40% der Unternehmen den Begriff “KI” primär als Marketing-Buzzword, ohne substantielle AI-Technologie einzusetzen.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache:

  • 🎭 58% der “AI-powered” Produkte nutzen hauptsächlich regelbasierte Systeme
  • 💰 Startups mit “AI” im Pitch-Deck erhalten 50% mehr Funding
  • 📈 Preisaufschläge von bis zu 35% für das gleiche Produkt mit “AI-Label”
  • 🤖 Nur 12% der beworbenen KI-Features basieren auf echtem Machine Learning

Von harmlosen Marketing-Tricks bis zum handfesten Betrug

Zeit für ein paar Highlights aus der Welt des AI-Washings – und trust me, die sind teilweise so absurd, dass sie schon wieder lustig sind.

Fall 1: Der “KI-Chatbot” mit menschlichem Backup

Builder.ai – ein Londoner Startup – versprach, Apps so einfach wie Pizza bestellen zu können. Dank revolutionärer KI! Die Realität? Ein Großteil des Codes wurde von unterbezahlten Entwicklern in Indien manuell geschrieben. Das Unternehmen kassierte trotzdem 30 Millionen Dollar Investment.

Plot Twist: Als das rauskam, gab’s Betrugsvorwürfe. Wer hätte das gedacht?

Fall 2: Die “intelligente” Zahnbürste

Eine große Elektronikmarke bewirbt ihre elektrische Zahnbürste als “AI-powered”. Die bahnbrechende KI-Funktion? Ein Timer, der nach 2 Minuten vibriert. Das ist ungefähr so intelligent wie mein Wecker von 1985 – aber hey, der hatte wenigstens kein Preisschild von 299€.

Fall 3: Coca-Cola’s KI-Geschmack

Coca-Cola brachte eine limitierte Edition heraus, die “gemeinsam mit KI entwickelt” wurde. Auf Nachfrage, was die KI genau gemacht hat? Schweigen.

Spoiler: Die KI hat wahrscheinlich aus einer Liste von Geschmacksrichtungen eine zufällige Kombination ausgewählt. Revolutionary stuff! 🎲

Die Mechanik hinter dem Wahnsinn

Lass mich dir die typische AI-Washing-Playbook dekodieren:

Phase 1: Das Rebranding

Alter Name → Neuer Name
"Automatisierung" → "AI-driven Automation"
"Datenbank-Abfrage" → "Intelligente Datenanalyse"
"Regelbasiertes System" → "Machine Learning Engine"
"Excel-Makro" → "Predictive Analytics Platform"

Phase 2: Die Preisjustierung

Nach dem Rebranding kommt die “Wertsteigerung”:

  • Basic Plan (ohne “AI”): 29€/Monat
  • AI-Enhanced Plan (exakt gleiche Features): 79€/Monat
  • AI-Premium Plan (mit einem Dashboard mehr): 199€/Monat

Phase 3: Das Marketing-Bombardement

  • Website: “Powered by cutting-edge AI” (= nutzt eine API)
  • LinkedIn: “We’re disrupting the industry with AI” (= haben ChatGPT integriert)
  • Investor-Pitch: “Our proprietary AI technology” (= wrapper um GPT-4)

Die echten Verlierer: Wir alle

Das Problem mit AI-Washing geht über nervige Marketing-Lügen hinaus. Es hat echte Konsequenzen:

1. Vertrauensverlust in echte KI-Innovation

Wenn jeder Temperaturregler plötzlich “AI-powered” ist, glaubt niemand mehr an wirkliche Durchbrüche. Das ist wie der Junge, der “Wolf!” ruft – nur dass der Wolf diesmal ein neuronales Netz ist.

2. Fehlallokation von Ressourcen

Investoren pumpen Milliarden in “KI-Startups”, die eigentlich nur ChatGPT-Wrapper sind. Währenddessen kämpfen echte AI-Forscher um Funding für tatsächliche Innovation.

3. Regulatorisches Chaos

Die EU arbeitet am AI Act, während die Hälfte der Unternehmen nicht mal weiß, ob ihr Produkt überhaupt KI enthält. Das ist wie Verkehrsregeln für fliegende Autos zu schreiben, während alle noch Fahrrad fahren.

Wie erkennst du AI-Washing?

Pro-Tipp: Hier sind die roten Flaggen, auf die du achten solltest:

🚩 Die Buzzword-Bingo-Karte:

  • “Leveraging AI” ohne konkrete Erklärung
  • “Machine Learning” für simple Statistik
  • “Neural Networks” für regelbasierte Systeme
  • “Deep Learning” für oberflächliche Features

🚩 Die Transparenz-Tests:

Stelle diese Fragen und beobachte die Reaktion:

  1. “Welches ML-Modell nutzt ihr genau?”

    • Echte Antwort: “Wir nutzen ein BERT-basiertes Transformer-Modell mit…”
    • AI-Washing: “Äh… proprietäre Technologie… sehr komplex…”
  2. “Wie groß ist euer Trainings-Dataset?”

    • Echte Antwort: “2.3 Millionen annotierte Beispiele”
    • AI-Washing: “Das ist… vertraulich”
  3. “Was passiert ohne Internet-Verbindung?”

    • Echte Antwort: “Das Modell läuft lokal weiter”
    • AI-Washing: “Dann… äh… geht nichts mehr”

Die gute Nachricht: Es gibt echte KI-Innovation

Nicht alles ist Schwindel. Es gibt tatsächlich beeindruckende KI-Entwicklungen:

Echte Game-Changer:

  • Large Language Models wie GPT-4, Claude, und Gemini (die wirklich verstehen und generieren)
  • Computer Vision Systeme die Krebs früher erkennen als Ärzte
  • Reinforcement Learning das komplexe Probleme löst
  • Generative AI die tatsächlich kreativ ist

Die Unternehmen, die es richtig machen:

  • OpenAI, Anthropic, DeepMind: Transparente Forschung, echte Innovation
  • Hugging Face: Open Source ML-Modelle für alle
  • Stability AI: Demokratisierung von Bildgenerierung

Diese Unternehmen publizieren Papers, teilen Modelle und sind transparent über ihre Technologie. Das ist der Unterschied zwischen echtem Gold und Katzengold.

Was können wir dagegen tun?

Als Entwickler:

  • Sei ehrlich über deine Technologie
  • Nutze präzise Begriffe: Automation ≠ AI ≠ Machine Learning ≠ Deep Learning
  • Teile technische Details wenn du wirklich KI einsetzt

Als Unternehmen:

  • Transparenz first: Erkläre, was deine “KI” wirklich macht
  • Realistische Versprechen: Keine Wunder verkaufen
  • Echte Innovation: Investiere in R&D statt Marketing-Buzzwords

Als Konsument/Investor:

  • Kritisch hinterfragen: Lass dir die Technologie erklären
  • Demo verlangen: Echte KI kann mehr als PowerPoint
  • Due Diligence: Schau hinter die Marketing-Fassade

Ein persönlicher Appell

Als jemand, der täglich mit echter KI arbeitet, frustriert mich AI-Washing enorm. Es ist wie wenn jemand behauptet, Sternekoch zu sein, weil er eine Mikrowelle bedienen kann.

Echte KI-Entwicklung ist hart. Es braucht:

  • Monate des Trainings
  • Gigabytes an Daten
  • Expertise in Mathematik und Informatik
  • Unendliche Geduld beim Hyperparameter-Tuning
  • Und ja, auch mal eine Nacht durchdebuggen, weil das Modell plötzlich nur noch “Kartoffel” ausgibt

Wenn wir zulassen, dass jeder Taschenrechner als “AI” verkauft wird, entwerten wir die echte Arbeit von tausenden Forschern und Entwicklern.

Fazit: Zeit für einen Reality Check

AI-Washing ist nicht nur ein nerviger Marketing-Trend – es ist ein ernsthaftes Problem, das Innovation bremst und Vertrauen zerstört. Aber es gibt Hoffnung: Regulierung kommt, Konsumenten werden schlauer, und echte Innovation setzt sich langfristig durch.

Die Zukunft gehört nicht den Marketing-Blendern, sondern denen, die echte Probleme mit echter Technologie lösen.

Die wichtigsten Takeaways:

  1. Nicht alles was “AI” draufsteht, ist auch AI drin – und das ist okay, solange es ehrlich kommuniziert wird
  2. Echte KI ist beeindruckend genug – sie braucht keine übertriebenen Versprechen
  3. Transparenz gewinnt langfristig – Kunden und Investoren lernen dazu
  4. Wir alle haben Verantwortung – als Entwickler, Unternehmer und Konsumenten

Remember: Ein IF-Statement ist keine KI. Eine Datenbank-Abfrage ist kein Machine Learning. Und ein Chatbot-Template ist definitiv keine AGI.

Lasst uns die Begriffe sauber halten, ehrlich kommunizieren und echte Innovation fördern. Die KI-Revolution ist real – aber nur wenn wir aufhören, jeden digitalen Furz als Durchbruch zu verkaufen.


Was sind deine Erfahrungen mit AI-Washing? Hast du besonders absurde Beispiele erlebt? Lass es mich wissen!

Stay critical, stay curious – und vor allem: Don’t believe the hype! 🚀

Geschrieben von Robin Böhm am 29. August 2025